Die Zeit drängt: Das
Menschenrecht auf Nahrung muss endlich umgesetzt werden
Katholisches
Landvolkbewegung Deutschlands verabschiedet Positionspapier zur
Ernährungssouveränität
Noch immer hungern fast eine Milliarde Menschen. Und das
obwohl das Menschenrecht auf Nahrung bereits 1966 im Internationalen Pakt über
wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte festgeschrieben wurde und von
der großen Mehrheit aller Staaten unterzeichnet wurde. Für die Katholische
Landvolkbewegung(KLB) Deutschlands ist das ein Grund, dieses Thema immer wieder
ins Zentrum zu stellen, damit das Menschenrecht auf Nahrung weltweit endlich
verwirklicht werden kann. „Es ist ein Skandal, dass noch immer unvorstellbar
viele Menschen verhungern und unter erbärmlichen Verhältnissen leben müssen.
Die Zeit drängt. Arme und hungernde Menschen brauchen Ernährungssouveränität“,
sagte der frisch gewählte Vorsitzende der (KLB), Heinz Gerster aus der Diözese
Rottenburg-Stuttgart am Wochenende nach der Verabschiedung eines Positionspapiers
zur weltweiten Ernährungssouveränität auf der Bundesversammlung der KLB in
Freiburg.
Doch was genau steckt hinter dem Begriff?
„Ernährungssouveränität setzt sich aus vielen Faktoren zusammen. Sie reichen
vom Vorrang für kleinbäuerliche Landwirtschaft und Familienbetriebe mit
ausreichender Entlohnung für die Produkte über die Achtung der Natur inklusive
dem Verzicht auf Gentechnik und Patentierung bis hin zu einer gerechten
Landverteilung und freiem Zugang zu Saatgut und zu Bildung für alle“ erläutert
Gerster.
Im Zentrum der Hungerbekämpfung steht weltweit die
Landwirtschaft. So leben 75 Prozent der Hungernden in ländlichen Regionen; dort
wo eigentlich die Nahrungsmittel für die Menschen vor Ort produziert werden
sollten. So fordert die KLB, dass jedes Land, bzw. jedes Volk oder jede
Ländergruppe das Recht haben muss, seine Landwirtschafts- und Ernährungspolitik
selbst zu bestimmen, d.h. zu entscheiden, was angebaut und verzehrt wird. Dabei
muss allerdings das erste Ziel lauten, die eigene Bevölkerung zu versorgen.
„Wir fordern, dass Landwirte weltweit sich selbst und ihre Mitmenschen mit
gesunden und hochwertigen Nahrungsmitteln versorgen können und gleichzeitig die
biologische Vielfalt erhalten können“, so Heinz Gerster. Die Voraussetzung dafür
sei eine gerechtere und menschlichere nationale und internationale Ernährungs-,
Agrar- und Handelspolitik. Das sei nur erreichbar durch eine - in vielen
Ländern der Erde dringend erforderliche - sozial, nachhaltig und ökologisch
orientierte Agrarreform.
Die KLB fordert Politiker auf, das Konzept der
Ernährungssouveränität aufgreifen und sich konsequent dafür einzusetzen, dass
kein Mensch auf der Welt mehr hungern muss. Auch die Verbraucher weißt die KLB
auf ihre Möglichkeiten hin: Bewusstes Einkaufen von regionalen, saisonalen und
fair gehandelten Produkten fördert die Ernährungssouveränität.
Aber insbesondere die eigenen Mitglieder sowie
Verantwortliche in Kirche und Gesellschaft will die KLB in die Pflicht nehmen.
Denn eins ist klar: Nur wer sich selbst auf den Weg begibt, kann andere
mitnehmen. So seien die KLBler besonders gefordert, Missstände und
Ungerechtigkeiten öffentlich aufzuzeigen und anzuprangern und das Konzept der
Ernährungssouveränität zu vertreten und im jeweils eigenen Umfeld konkrete Wege
zur dessen Umsetzung zu suchen und zu gehen.
Dokumentation:
Posititionspapier der KLB Deutschland
Ernährungssouveränität
verabschiedet von der KLB Bundesversammlung
am 25.04.2009 in St. Ulrich
Seit
Jahren setzen sich die KLB Deutschland (Katholische Landvolkbewegung) und ihr
internationaler Dachverband FIMARC (Internationale Vereinigung katholischer
ländlicher Erwachsenenbewegungen) gemeinsam mit anderen Verbänden für die
Umsetzung des Konzeptes der Ernährungssouveränität ein. Wir betrachten
dieses Konzept – sowohl auf nationaler, als auch auf europäischer und auf
Weltebene - als wichtigen und notwendigen Schritt ...
·… zur dringend erforderlichen
Verwirklichung des Menschenrechtes auf Nahrung, welches 1966 im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle
Rechte festgeschrieben und mittlerweile von
der großen Mehrheit aller Staaten unterzeichnet worden ist,
·… zur Existenzsicherung
der Landwirte und ihrer Familien, nicht nur in den Ländern des Südens,
sondern ebenso im Norden, auch bei uns in Deutschland,
·… zum Erhalt der
bäuerlichen Landwirtschaft als wesentlichem Faktor der Ernährungssicherung
und des Kultur- und Landschaftsschutzes,
·… zur Sicherung der Qualität
der Nahrungsmittel und damit zum Schutz der Gesundheit und der
Lebensqualität aller Verbraucherinnen und Verbraucher,
·… zum Umwelt- und
Naturschutz und zum Erhalt der biologischen Vielfalt,
·… zu einer gerechteren und
menschlicheren nationalen und internationalen Ernährungs-, Agrar- und
Handelspolitik,
·… zu einer – nicht nur in der
Europäischen Union, sondern in vielen Ländern der Erde dringend erforderlichen
– sozial, nachhaltig und ökologisch orientierten Agrarreform.
Ernährungssouveränität ist das Recht jedes Landes, bzw. jedes Volkes oder jeder
Ländergruppe, die eigene Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu
bestimmen, d.h. selbst zu entscheiden, was angebaut und verzehrt wird. Erstes
Ziel muss dabei sein, die eigene Bevölkerung mit ausreichend Nahrung zu
versorgen, die qualitativ hochwertig, gesund und nahrhaft ist und den
jeweiligen kulturellen Gewohnheiten sowie ökologischen und sozialen Standards
entspricht. Dabei müssen die einzelnen Länder die Möglichkeit haben, sich vor
Preisdumping zu schützen. Gleichzeitig sind sie verpflichtet, negative
Auswirkungen gegenüber anderen Ländern zu vermeiden.
Ernährungssouveränität
betrachtet Nahrungsmittel nicht als reines Handelsgut, sondern als Mittel zum
Leben, deren Erzeugung und Vermarktung Regeln und Ordnungsrahmen erfordert, die
sich am Menschenrecht auf Nahrung orientieren.
Ernährungssouveränität
bedeutet im Einzelnen:
·Regionaler Anbau und
Vermarktung haben Vorrang. Die
Landwirtschaft dient primär der Versorgung der Menschen in der eigenen Region,
erst sekundär anderen Zwecken, wie etwa dem Export
·Existenz sichernde faire
Preise für die Produzenten der Lebensmittel
·Vorrang der bäuerlichen
Landwirtschaft, weil sie die regionale Selbstversorgung mit gesunden
Lebensmitteln, den Erhalt der biologischen Vielfalt, den Schutz von Umwelt und
Natur, den direkten Kontakt zwischen Landwirt und Verbraucher und somit die
dringend erforderliche Nachhaltigkeit am besten gewährleisten kann
·Achtung der kulturellen
Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Menschen
·Achtung der Natur und der biologischen
Vielfalt
·Natur, Boden, Wasser haben vorrangig dem Leben aller Menschen zu dienen, nicht
dem Profitstreben einzelner Konzerne. Der jeweiligen Gemeinschaft muss das
Recht der Kontrolle dieser Ressourcen zukommen. Ein fairer Zugang muss
gewährleistet sein. Dies beinhaltet auch eingerechtes System der Land- und Wasserverteilung
·Fairer Zugang zu Saatgut.
Die Landwirte haben das Recht, ihr Saatgut zu schützen, wieder zu verwenden und
weiter zu geben
·Keine Patente auf Pflanzen und Tiere
·Die Regionen und Länder haben
das souveräne Recht, die Anwendung von Gentechnik in der Landwirtschaft auf
ihrem Gebiet zu verbieten
·Nachhaltige Entwicklung
und Förderung der Landwirtschaft und der ländlichen Regionen in allen
Teilen der Erde
·Existenzsichernde Preise für die Produzenten der Lebensmittel
·Öffentliche Investititonen zur Förderung lokaler Vermarktung und ländlicher
Entwicklung.
·Stärkung sozialer
Bewegungen und Organisationen.
Unterstützung der Landlosen. Förderung des Zusammenschlusses von Landwirten,
Frauen, indigenen Bevölkerungsgruppen, Landarbeitern usw. Beratung und
Unterstützung der Landwirte
·Nachhaltige nationale und
internationale Agrarreformen zur Existenzsicherung der landwirtschaftlichen
Betriebe und zur gerechteren Verteilung der landwirtschaftlichen Produktions-Ressourcen,
insbesondere zugunsten der armen und landlosen Bevölkerung
·Veränderte internationale
Handelspolitik. Humane und gerechte Gestaltung der Globalisierung. Schutz
vor billigen Lebensmittelimporten, die die lokalen Märkte zerstören
·Direkter Dialog
zwischen Landwirten und Verbrauchern
·Zugang zu Bildung für
alle, insbesondere auch für die Bewohner/innen der ländlichen Regionen
·Anerkennung und gerechte
Entlohnung des Beitrages der Frauen zur Nahrungsmittelproduktion
Für den
Fortschritt wenig entwickelter Länder spielt – in Verbindung mit
Ernährungssouveränität – der Aufbau von Demokratie, von Rechtssicherheit, einer
gerechten Eigentumsordnung und einer ökosozialen und nachhaltigen
marktwirtschaftlichen Ordnung eine wichtige Rolle.
Die
Bundesversammlung der KLB fordert die Politiker auf nationaler und
internationaler Ebene auf:
·das Konzept der
Ernährungssouveränität aufzugreifen und sich für seine Umsetzung und eine
dementsprechende nachhaltige Agrarreform sowie die Ökosoziale Maktwirtschaft
einzusetzen
·die von einer verfehlten
internationalen Handelspolitik verursachte Zerstörung der lokalen Märkte zu
beenden
·der Vernichtung natürlicher
und kultureller Ressourcen entschieden entgegenzutreten
·dem Kampf gegen den
weltweiten Hunger absolute Priorität einzuräumen.
Die
Bundesversammlung der KLB fordert die Verbraucher auf:
·durch bewusstes
Verbraucherverhalten die Ernährungssouveränität zu fördern, insbesondere durch
Kauf von regionalen, saisonalen und fair gehandelten Produkten
·ein wichtiger Schritt können
direkte Kontakte zwischen Landwirten und Verbrauchern sein
Die
Bundesversammlung der KLB fordert die Diözesanverbände und Mitglieder der
KLB sowie die Verantwortlichen in Kirche und Gesellschaft auf:
·die bestehenden Missstände
und Ungerechtigkeiten öffentlich aufzuzeigen und anzuprangern
·das Konzept der
Ernährungssouveränität als Modell einer nachhaltigeren und gerechteren Agrar-
und Ernährungspolitik bewusst zu machen
·dieses Konzept mit ihren
nationalen und internationalen Partnern zu diskutieren
·im eigenen Umfeld konkrete
Wege zur Umsetzung dieses Konzeptes zu suchen und zu gehen
Die Zeit
drängt. Wir betrachten es als dringend erforderlich, schnellstmöglich das
Konzept der Ernährungssouveränität umzusetzen.Weltweit hungern knapp eine
Milliarde Menschen und die Zahl nimmt weiter zu. 75 % der Hungernden leben in
ländlichen Regionen, in denen eigentlich die Nahrungsmittel für die Menschen
vor Ort produziert werden sollten.
Die Bundesversammlung der KLB
DeutschlandSt.
Ulrich, 25. April 2009